Die Musik in Apulien.
Während Ihres Urlaubs im Salento werden Sie jeden Abend etwas zu tun und zu besichtigen haben. Fast jeden Abend finden auf irgendeinem Platz Konzerte aller Musikrichtungen statt. Aber besondere Beachtung verdient das Musikgenre, das das Salento in der ganzen Welt berűhmt gemacht hat: die Pizzica. Eine mitreiβende, melodische, rhythmische Musik, die zum Tanzen animiert, mittlerweile Symbol von Freude, aber mit dramatischem und ausserordentlich faszinierendem Ursprung… Volksmusik und “Tarantismus“ Bei ihrer Arbeit in den Olivenhainen kommen die Bauern Apuliens häufig mit den kleinen Spinnen in Kontakt, die in den Bäumen oder zwischen Steinen versteckt leben. Besonders schlimme Folgen, hauptsächlich unter den Frauen, hatte dem Aberglauben der Apulier zufolge der Biβ der Tarantel. Dieser so genannte Tarantismus existierte bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts! Die, die „von der Tarantel gestochen worden waren“, wurden fortan ein Mal im Jahr zu Beginn des Sommers fűr ca. eine Woche „verrűckt“. In dieser Zeit verhielten sie sich fast wie die Spinne, von der sie gebissen wurden: sie gingen auf allen Vieren und waren geistig abwesend. Als Therapie rief man Musiker, die die „Pizzica“ spielten, mit der sie allerdings nur während der Spieldauer Linderung erzielten. Zusammen mit dem Gesang verwendete man Tamburin, Violine, Gitarre oder Ziehharmonika. Beim Klang dieser Musik fielen die Betroffenen in Trance und bewegten sich wild bis zur Erschőpfung. Da jedoch auch durch die Musik keine komplette Heilung erzielt werden konnte, unternahm man eine Wallfahrt nach Gallipoli, wo die Kirche des Heiligen Paul, dem Schutzheiligen der Spinnentiere, steht. So wurden die Betroffenen dank der Gnade des Heiligen am 29. Juni geheilt. Es ist anzunehmen, dass die Bezahlung der Musiker und die Reise nach Gallipoli von vielen Familien ein groβes finanzielles Opfer erfordert hat. In den fűnfziger Jahren hat der Ethnologe Ernesto de Martino das Phänomen des Tarantismus erstmalig wissenschaftlich untersucht und Filmdokumente sind ab dem Jahr 1961 bekannt. Obwohl die betroffenen Frauen der festen Űberzeugung waren, dass ihre Erkrankung durch den Biβ der Spinne ausgelőst wurde, zweifeln Wissenschaftler daran, dass die Tarantel tatsächlich fűr die Symptome verantwortlich war. Man vermutet stattdessen, dass auf diese Weise lediglich unterdrűckte Gefűhle und Bedűrfnisse ausgedrűckt wurden. Diese Theorie erscheint wahrscheinlich, wenn man bedenkt, dass die Frauen in dieser Region frűher kaum das Haus verlassen durften und Ehen nicht aus Liebe, sondern aus finanziellen Grűnden geschlossen wurden. Man kann die Ursprűnge des Tarantismus bis ins Jahr 1400 zurűckverfolgen. Vermutlich ist er aber noch um einiges älter. Nachdem sie fűr einige Zeit verschwunden schien, erlebt diese Musik seit 1970 vor allem bei den jungen Leuten ein Revival. Den Basisrhythmus der Pizzica gibt das Tamburin mit seinen Schellen vor. Es wird ein Kreis („la ronda“) geformt, in dessen Mitte man mit einfacher Schritttechnik und viel Gefűhl und Emotion zur Musik tanzt. Volksfeste Die zahlreichen traditionsreichen religiősen Feste drűcken die ganze Kultur und Lebensfreude Apuliens aus. Von besonderer Bedeutung sind die Patronatsfeste, welche mit Prozessionen und Feuerwerk begangen werden. Andere Riten und Bräuche haben ihren Ursprung in geschichtlichen Ereignissen und sind deshalb aus historisch - anthropologischer Sicht interessant. So wird zum Beispiel in Ruffano, in der Provinz Lecce, am Vorabend des 15. August, des Festes des San Rocco, mit kleinen Orgeln musiziert und ein traditioneller Tanz vollfűhrt, der einst mit Messern und heute mit Fingern ein Duell mimt. Zu Ehren des Schutzpatrons der Stadt, des Heiligen Antonio Abate, zűndet man am 17. Januar in Novoli einen riesigen, innen mit Gängen ausgestatteten Scheiterhaufen, die „Fòcara“ an. In Galatina begeht man am Feiertag der SS. Pietro e Paolo (H. Peter und Paul) zum Teil heute noch den Ritus der Tarantolate, des befreienden Tanzes vor der Kapelle der Heiligen. Anläβlich des Festes von Santa Lucia am 13. Dezember werden auf dem Krippenmarkt in Lecce kűnstlerisch wertvolle Krippenfiguren angeboten. |